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Restaurantknigge ade – 10 Regeln von gestern

Restaurantknigge ade – 10 Regeln von gestern
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Nirgendwo anders sind Regeln so streng gefasst wie in der Schule, im Gefängnis und bei Tisch. Und viele der überlieferten Weisheiten werden immer noch sklavisch befolgt – auch wenn sich der Sinn solcher Vorschriften kaum noch erschliesst. Also weg mit verstaubten Ess-Gesetzen: Wer sich vernünftig benimmt und all das beherzigt, was er daheim in der Kinderstube gelernt hat, muss auch im feinen Lokal keine Sonderregeln befolgen.

Nicht die Frau geht voran ins Restaurant, der Mann tut es – von wegen Tür aufhalten und dergleichen. So erzählen es einem jedenfalls die Knigge-Nachahmer-Bücher. Die alte Vorschrift stammt freilich aus einer Epoche, in der man nie so genau wusste, was sich hinter der Gastro-Türe abspielte. Eine zünftige Wirtshausschlägerei musste umgangen werden, wenn eine Dame zugegen war – weshalb die Sache im Mittelalter Sinn machte. Heute allerdings wird nur noch selten geprügelt, und es spricht nichts dagegen, die weibliche Begleitung vorzulassen. Und noch mehr spricht dafür, gleich alle anderen vorgekauten Regeln auf ihre Aktualität hin zu überprüfen!

1. Der Herr geht voran ins Restaurant.
Eine antiquierte Vorschrift, die nichts mehr mit der heutigen Realität zu tun hat. Damen an einer Türe vorzulassen, hat sich als Höflichkeitsgeste bewährt, also sollte man es auch am Eingang zum Restaurant so handhaben.

2. Man fragt nicht nach Preisen, wenn einem der Kellner etwas mündlich empfiehlt.
Wann denn sonst? Es ist ja kein Misstrauen, sondern einfach die Neugier, was ein bestimmtes Gericht, ein spezieller Wein kostet. Genau deshalb stehen ja auch auf der Speisekarte die Preise verzeichnet.

3. Der Oberkellner bekommt vor dem Essen einen Schein zugesteckt.
Ist immer noch gang und gäbe, vor allem in der noblen italienischen Gastronomie und in namhaften Hotels in aller Welt. Kann Sinn machen, wenn man einen guten Platz ergattern will, bringt aber langfristig wenig. Trinkgeld gibt es nach dem Essen und ganz offen am Tisch.

4. Sie müssen im Gourmetrestaurant mindestens sechs Gänge bestellen.
Niemand zwingt Sie, sich zu überfressen. Mit drei oder vier Gängen sind sie in aller Regel gut bedient, wenn Sie nicht mehr kosten wollen. Wenn Sie partout nur einen einzigen Gang essen wollen, was schade wäre, sollten Sie das allerdings bei der Reservierung ankündigen.

5. Sie sind gezwungen, zehn Prozent Trinkgeld zu geben.
Keineswegs. Wenn der Service gut war, dürfen Sie das gern – oder sogar mehr als ein Zehntel der Summe. Wenn er allerdings schlecht war, sollten Sie ganz von der Trinkgeldgabe absehen. Selbst in den USA, wo ein grosszügiger Tip zum Standard gehört. Bei hohen Rechnungen genügen übrigens, was Europa angeht, in der Regel fünf bis sieben Prozent zum Glücklichsein.

6. Der Kellner darf einer Dame niemals selbst in den Mantel helfen.
Wenn Sie sich als Mann von Welt gerieren wollen, können Sie den vom Kellner gebrachten Mantel entgegennehmen und Ihrerseits die Dame einkleiden. Zwingend ist das aber nicht, und manchmal ist es im Ausgangsbereich eines Restaurants so eng, dass diese Technik nicht zur Anwendung kommen sollte.

7. Eine nicht ausgetrunkene Flasche Wein muss vor Ort zurückgelassen werden.
Viele Restaurants bieten von sich aus an, angebrochene Flaschen Wein einzupacken. Und selbst wenn nicht: Seinen Führerschein sollte niemand riskieren. Auch im Drei-Sterne-Lokal wird man Ihnen mit Selbstverständlichkeit die Flasche zukorken oder -schrauben und mit auf den Heimweg geben.

8. Ein einmal berührter Teller kann nicht mehr reklamiert werden.
Er kann. Wie anders als mit Probieren sollten Sie herausfinden, ob die Kreation etwas taugt? Es macht natürlich keinen guten Eindruck, einen Teller leer zu essen und dann mitzuteilen, dass die ganze Sache nicht schmeckte und man Ersatz wolle. Nach zwei, drei Bissen müssen Sie schon die Entscheidung zur Reklamation treffen. Sollten Sie alles verzehrt haben, können Sie natürlich sagen, dass es Ihnen nicht besonders geschmeckt hat oder dass zu viel Salz am Essen war – Anrecht auf einen neuen Teller haben Sie in diesem Falle nicht.

9. Man spreizt den kleinen Finger ab, wenn man Kaffee trinkt.
Das ist nun wirklich die unsinnigste Regel aller Zeiten. Sie müssen nichts spreizen, weder beim Kaffee noch bei anderen Getränken, aber wenn Sie es tun wollen, dürfen Sie. Es stört keinen anderen Gast und macht Sie höchstens lächerlich.

10. Man lässt sich Essen nicht einpacken.
Warum denn nicht? Ist doch besser, als wenn die überzählige Menge Fleisch, Fisch oder die vielen zum Kaffee servierten Süssigkeiten weggeschmissen würden. Und viele Speisen schmecken sogar aufgewärmt am nächsten Tag noch gut!

Über den Autor

Wolfgang Fassbender ist seit 25 Jahren als freier Journalist in den Bereichen Wein und Gastronomie tätig. Der gebürtige Leverkusener hat mehr als 80 Bücher geschrieben oder herausgegeben, arbeitet für viele Zeitschriften und mehrere Zeitungen, testet sich als Restaurantkritiker durch die Welt.

Er pendelt zwischen seinen Wohnsitzen im Rheinland und Zürich.

Kommentare

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Elke Reim

Sehr geehrter Herr Fassbender,
Aus gegebenem Anlass wollte ich Ihnen eine Frage zum Umgang mit Gesprächen mit persönlichen Themen zwischen Gast und Ober/ Rrstaurantangestellten stellen. Wir waren im Ausland in einem gehobenen Restaurant und unser Ober und ich kamen über die Kochkünste unserer Mütter in eine nettes, unverfänglichen Geplauder ohne dass andere Gäste am Tisch warten mussten. Der junge Ober berichtete mir dass er plante nach Deutschland zu ziehen. Wie dem auch sei. Ich erntete von meinem Schwiegervater Augendrehen und den Hinweis, dass Gespräche mit Angestellten des Restaurants zu unterlassen seien, ausser es handele sich hierbei um die Essensbestellung. Meiner Meinung sind Restaurantmitarbeiter heutzutage durchaus auf Augenhöhe und eine Kommunikation, die ggf. private Themen anschneidet, sollte in Massen legitim sein. Wie ist Ihre Einschätzung hierzu? Ich freue mich über Ihr Meinung.
Viele Grüße
E. Reim

Wolfgang Fassbender

Lieber Herr Mauritsch,
danke für Ihre Zuschrift. Das "sogenannte" denke ich mir nun mal weg, schließlich wollen Sie ja auch nicht als "sogenannter" Kellner bezeichnet werden. Aber warum nennen Sie mich Versager, da Sie von mir ja gar nichts wissen?
Nun gut, ich schiebe es auf Ärger, den Sie mit Gästen hatten. Die können tatsächlich penetrant sein, da stimme ich Ihnen zu! Also bin ich sehr dafür, Kellner und Köche mit äußerster Höflichkeit zu behandeln!
Was die Damenkarten angeht: Die sind fast verschwunden und auch in Sternelokalen so gut wie nie mehr anzutreffen. Zum Glück. Meine Partnerin freut sich darüber, denn sie möchte auch wissen, was das Essen kostet und mich mal einladen. Soll ich ihr nun sagen, dass sie sich solche modernen Allüren wieder abschminken soll?
Herzliche Grüsse

Armin Mauritsch

Warum glaubt ihr sogenannter Experte eigentlich warum Damen in der gehobenen Gastronomie Speisekarten ohne Preise bekommen?? So ein Tipp kann wirklich nur von einem deutschem Versager kommen,wenn er an einem wunderschönen Abend in einem Sternerestaurant ans Geld denkt soll er lieber Zuhause bleiben!! Und ein Profi wird immer etwas Angemessenes empfehlen! Und wenn wir schon dabei sind,die Rechnung übernimmt immer und ohne Ausnahme der Mann!

Armin Mauritsch

Die wichtigste Regel wurde vergessen! Alle Angestellten immer höflich und mit Respekt zu behandeln! Den wahren Charakter eines Menschen erkennt man daran wie er mit Servicepersonal umgeht!! Nicht`s ist schlimmer als arrogante,überhebliche und besserwissende Gäste,wenn man irgendwo zu Gast ist sollte man sich auch in jeder Situation so benehmen!! Und in Begleitung einer Dame nach dem Preis zu fragen ist einfach nur peinlich!!

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