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Wundermittel erweist sich als Textilfarbstoff

28. September 2016 10:01

DEUTSCHLAND (Hohenheim) – Von wegen natürlich: Forscher Universität Hohenheim haben in einem angeblichen „Hibiskus- und Rote-Bete-Extrakt“ den Textilfarbstoff „Reactive Red 195“ nachgewiesen. Dieser ist gesundheitlich bedenklich und nicht für Lebensmittel zugelassen. Die Wissenschaftler gehen von einer bewussten Täuschung aus.

Von Ruth Preywisch

Forscher weisen gesundheitlich bedenkliches Extrakt in rotem Farbstoff nach
Forscher weisen gesundheitlich bedenkliches Extrakt in rotem Farbstoff nach

Das untersuchte Extrakt ist vermutlich seit 2015 auf dem Markt und besteht laut Spezifikation zu einem Drittel aus Rote-Bete- und Hibiskus-Extrakten. Damit galt es als natürlicher Farbton und wurde von der Lebensmittelindustrie aufgrund seiner intensiven und dauerhaften Färbeleistung als lang ersehntes Wundermittel gefeiert.

Natürliche Färbemittel sind normalerweise weder hitze- noch lichtbeständig, werden aber bevorzugt verwendet, weil sie nicht deklariert werden müssen. Synthetische Farbstoffe dagegen müssen auf der Verpackung ausgezeichnet sein und stimmen viele Verbraucher skeptisch.

Doch die Stabilität der Färberwirkung des Extrakts machte Lebensmittelhersteller misstrauisch und sie baten Prof. Dr. Carle und sein Team vom Lehrstuhl Technologie und Analytik pflanzlicher Lebensmittel an der Universität Hohenheim um eine Prüfung. Die Forscher untersuchten drei Proben des Färbemittels, die ihnen von drei Lebensmittelherstellern aus der Deutschland, Frankreich und der Türkei überlassen worden sind.

Den Lebensmittelherstellern sei das Material von Händlern angeboten worden. Nach mehreren Anläufen ist es den Wissenschaftler gelungen, den Verdacht der Lebensmittelhersteller zu erhärten. Laut ihrer Einschätzung rührt die rote Farbe von dem Textilfarbstoff „Reactive Red 195“, der für Lebensmittel nicht zugelassen sei.

Für die Analyse benutzten die Wissenschaftler ein aufwendiges Farbvergleich-Verfahren. Sie fanden charakteristische Pigmente der Roten Bete, von Hibiskus jedoch keine Spur. Stattdessen habe das Färbemittel ein zunächst unbekanntes Farbpigment enthalten, das die Farbbrillanz und Stabilität ausmache.

Diese unbekannte Komponente zeige übereinstimmende Eigenschaften mit einem zum Färben von Textilien verwendeten Azofarbstoff. Der direkte Vergleich brachte für die Wissenschaftler eindeutiges zu Tage. „Alle drei Muster enthielten den identischen Textilfarbstoff“, sagt Prof. Dr. Carle.

„Der Grund für die Analyse-Schwierigkeiten liegt in der Natur des Textilfarbstoffes“, erklärt Prof. Dr. Carle. Reaktiv-Farbstoffe wie „Reactive Red 195“ reagierten mit organischen Stoffen und verbinden sich weitgehend untrennbar mit ihnen. Bei Textilien ist das so gewünscht, denn die Baumwolle soll sich ja nicht wieder entfärben. Derselbe Effekt tritt aber auch bei anderen organischen Stoffen wie Lebensmitteln auf und macht Nachweis beinahe unmöglich.

Was “Reactive Red 195“ im Körper genau bewirkt, ist nicht bekannt. Die Chemikalie gehört aber zu den Azofarbstoffen, und die stehen im Verdacht, bei Kindern zu Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörungen zu führen. Eigentlich müssen Lebensmittel mit Azofarbstoffen deshalb seit 2010 gekennzeichnet sein, und zwar mit dem Warnhinweis „Kann Aktivität und Aufmerksamkeit bei Kindern beeinträchtigen“.

„Reactive Red 195“ sei als reiner Textilfarbstoff jedoch zu keiner Zeit in Lebensmitteln erlaubt gewesen. „Ein Versehen erscheint uns unwahrscheinlich“, erklärt Prof. Dr. Carle. „Die Vorgehensweise legt nahe, dass hier ein Experte am Werk war, der das Lebensmittelrecht kennt und weiss, wie man durch täuschende Produktdeklaration die Gesetze umgehen kann.“

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